JES im Drogenhilfesystem

Die Beziehung zwischen JES als akzeptierender Drogenselbsthilfe und den Drogenhilfeeinrichtungen ist immer ambivalent und war über die Jahre ständigen  Veränderungen unterworfen. Die Bandbreite reichte von Misstrauen, Konkurrenz und Vereinnahmung bis hin zu partnerschaftlichen und solidarischen Umgangsweisen.

Selbsthilfe - besonders die von DrogenkonsumentInnen, die auf ihr Recht auf ein menschenwürdiges Leben mit Drogen besteht - sieht sich nach wie vor mit Abwehr und Ressentiments professioneller HelferInnen konfrontiert. Konstruktive Ansätze, sich auf eine kooperative Zusammenarbeit mit JES einzulassen, sind nicht die Regel und, besonders bei akzeptierend arbeitenden Drogen- und AIDS-Hilfen, zu finden.

Aus diesen Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre hat sich für JES ein Selbstverständnis entwickelt, in dem sich JES als kritisches Gegenüber des professionellen Hilfesystems sieht. Um diese Rolle ausfüllen zu können, durchlaufen JES Gruppen oftmals unterschiedliche Ebenen im Kontakt zu den Einrichtungen der AIDS- und Drogenhilfe. JES’ler kennen die Angebote zum Teil noch als „Klienten“, benötigen (besonders in der Gründungsphase der Gruppen) logistische und fachliche Unterstützung und emanzipieren sich schließlich. Dann sind sie oftmals ebenfalls Dienstleister im Drogenhilfebereich und fordern vom professionellen System die Ausrichtung der Angebote an den Bedarfen und Bedürfnissen von Drogen gebrauchenden Menschen. Der Wechsel von einer Entwicklungsphase zur nächsten bietet u. U. viel Konfliktpotential.

Nach wie vor begegnen MitarbeiterInnen aus der Drogenhilfe, dem medizinischen und sozialen Bereich, die Ihren Zugang zum Thema über eine berufliche Qualifikation finden, JES-MitarbeiterInnen mit mehr oder weniger offen formulierter Skepsis. Dies hat seine Ursachen nicht nur in Erfahrungen und Vorurteilen. Die Interessen vieler Hilfeeinrichtungen an der Sicherung ihrer „Besitzstände”, werden durch JES in Frage gestellt. Das verunsichert und erzeugt Abstand. Die Merkmale professioneller Hilfeleistung (Fachlichkeit durch berufliche Spezialisierung, erwerbstätig motivierte Arbeit und die gesicherten Existenz der Hilfeleistenden) sind durchaus nicht durchweg positiv zu bewerten. Eigene Interessen an der Existenzsicherung sowie die Orientierung an Kosten und Methoden lassen diese Merkmale zugleich zu den Grenzen des Hilfesystems werden. In der Entwicklung professioneller Hilfeleistungen ist das Drogenhilfesystem auf JES als seinen kritischen Begleiter angewiesen ist. JES kann als Frühwarnsystem für aktuelle und neue Probleme fungieren und frühzeitig den künftigen Bedarf für professionelle Hilfsangebote aufzeigen. Als kritisches Gegenüber wirkt JES zugleich darauf hin, dass Professionelle unter qualitativ hochwertiger Arbeit nicht nur die Einhaltung festgelegter Arbeitsstandards (miss-)verstehen.

Unmittelbare Nähe zu den Lebenswelten von Drogengebrauchern, Kombination von Selbsthilfe und erworbener Fachkenntnis zeichnen JES aus. Hilfs- und Unterstützungsangebote von JES sollen stets eher als Ergänzung zu professioneller Hilfeleistung und damit zur Erhöhung der Wirksamkeit entsprechender Angebote verstanden werden denn als Konkurrenz hierzu. Dabei wehrt sich JES dagegen als kostengünstige „Notlösung“ missbraucht zu werden, an die schwierige, unattraktive und der Kosteneffizienz der Leistungsträger widersprechende Arbeit abgeschoben wird. Eine solche „Arbeitsteilung” zwischen professionellem Hilfesystem und Drogenselbsthilfe überfordert nicht nur die Möglichkeiten der Selbsthilfe, sondern führt auch dazu, dass die spezifischen Möglichkeiten und Ressourcen der Selbsthilfe verschwendet werden.